POINT-OF-CARE-ULTRASCHALL-TRAINING IN WESTAFRIKA

December 01, 2016

Dr. Ilyas Tugtekin, Oberarzt der Anästhesie am Universitätsklinikum Ulm, Baden-Württemberg, reiste kürzlich nach Kumasi in Ghana, um die Einrichtung eines Ultraschall-Schulungszentrums für Ärzte in ganz Westafrika zu unterstützen. Finanziert wurde die Reise von der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung (EKFS), einer gemeinnützigen Organisation zur Förderung medizinischer Forschung und damit verbundener humanitärer Projekte. Eine Woche lang schulte ein Team aus fünf Fachärzten Kliniker der gesamten Region in den Grundlagen der ultraschallgesteuerten Techniken. Das Training fand im Komfo Anokye Teaching Hospital (KATH) in Kumasi statt, das mit 1.000 Betten das zweitgrößte Krankenhaus in Ghana ist. Dr. Tugtekin spricht über das Projekt und das Potenzial des Point-of-Care-Ultraschalls in Westafrika, wobei er insbesondere dessen Vorteile in einem überlasteten Gesundheitssystem hervorhebt.

Regionale Nervenblockaden eignen sich für eine ganze Reihe von Eingriffen von der Unfallchirurgie bis hin zur Orthopädie. Eine regionale Blockade kann als eigenständiges Verfahren in der ambulanten Chirurgie oder in Kombination mit einer Vollnarkose zur postoperativen Schmerzlinderung eingesetzt werden. Ultraschall ist eine wichtige Orientierungshilfe, die eine effiziente und wirksame Regionalanästhesie ermöglicht. Ich setze diese Technik seit über 12 Jahren in meiner unfallchirurgischen und orthopädischen Praxis ein, insbesondere in der Handchirurgie. Vor etwa 10 Jahren absolvierten zwei Ärzte aus Kumasi in Ulm ihre Facharztausbildung in Allgemeinanästhesie. Diese beinhaltete auch die Anwendung von Point-of- Care(POC)-Ultraschall zur Orientierungshilfe bei Gefäßpunktionen und regionalen Blockaden. Es überraschte nicht, dass sie ein gewaltiges Potenzial für die Anwendung ultraschallgesteuerter Eingriffe in ihren Krankenhäusern in Ghana sahen. Kumasi selbst ist eine Großstadt mit über zwei Millionen Einwohnern und einer vergleichsweise hohen Anzahl an Traumafällen, die auf die schlechten Straßensysteme und Arbeitsbedingungen zurückzuführen sind. Die Patienten werden oftmals von Angehörigen oder per Taxi ins Krankenhaus gebracht. Die ultraschallgesteuerte Regionalanästhesie und Gefäßpunktion wäre für Ärzte in einem Entwicklungsland ungeheuer nützlich, da sie schnellere, sicherere Eingriffe mit kürzeren Genesungszeiten und weniger Komplikationen ermöglicht. Kurz nachdem die Kollegen nach Ghana zurückgekehrt waren, besuchte ich das KATH und hielt einen kleinen Workshop, um eine Grundlage zu legen. Viele Ärzte in der Region sind hochmotiviert, verfügen jedoch nicht über die Ressourcen zur Einführung dieser Technologie. Daher war uns und unseren Kollegen in Kumasi sehr daran gelegen, gemeinsam vor Ort ein Schulungsprogramm und ein Schulungszentrum für ultraschallgesteuerte Eingriffe einzurichten. Zur Unterstützung konnten wir die EKFS gewinnen, die sowohl den Kauf zweier robuster Point-of- Care-Ultraschallsysteme als auch einen Schulungskurs für lokale Ärzte finanzierte. Dieser gut besuchte einwöchige Schulungskurs in Kumasi wurde von fünf Fachärzten geleitet: von Dr. Wolfgang Stahl und Dr. Alexander Dinse aus Ulm, Dr. Oliver Vicent von der Universität Dresden und Dr. Gernot Gorsewski vom Landeskrankenhaus Feldkirch in Österreich sowie von mir selbst. Das Training wurde von mehr als 30 Teilnehmern besucht. Diese kamen nicht nur aus Kumasi, sondern auch aus der ghanaischen Hauptstadt Accra und sogar aus dem Libanon, Nigeria und Kamerun. Während des Kurses behandelten wir eine Reihe grundlegender ultraschallgesteuerter Eingriffe, konzentrierten uns aber auf regionale Nervenblockaden und Venenpunktionen, da diese Techniken am häufigsten angewandt werden. Der Kurs war in erster Linie als praktisches Training und nicht nur als Vorlesung gedacht und daher sehr interaktiv gestaltet. Die Teilnehmer hatten im Workshop Gelegenheit, sich mit der Anwendung der Geräte vertraut zu machen und beispielsweise am lebenden Modell Nerven zu finden und am Phantom selbständig Punktionen durchzuführen. Am Ende des Kurses führten wir mit ihnen unter strenger Überwachung im Krankenhaus einige Nervenblockaden und Gefäßpunktionen durch.

Die während des Kurses erlernten Ultraschalltechniken werden im gesamten Krankenhaus vielfach Anwendung finden. Bei einem Arzt im Kurs beispielsweise lag das Hauptinteresse in der Handchirurgie. Die Regionalanästhesie wird es vielen seiner Patienten ermöglichen, fast unmittelbar nach dem Eingriff nach Hause zu gehen, was den Bedarf an postoperativen Maßnahmen verringert. Außerdem nahmen mehrere Notfallmediziner am Kurs teil. Für sie sind ultraschallgesteuerte Gefäßpunktionen äußerst nützlich, da diese viel sicherer, schneller durchführbar und effektiver sind, was in einer sehr stark frequentierten Abteilung mit zu wenigen Ärzten enorme Vorteile bietet. Ohne Zugang zu geeigneten POCUltraschallsystemen wären diese neu erworbenen Fertigkeiten nutzlos. Daher freut es uns sehr, dass wir die Ultraschallsysteme, die wir während des Kurses verwendet hatten, am KATH zurücklassen konnten. Das Krankenhaus dort braucht robuste und leicht transportierbare Geräte – die sich mobil im großen OP-Bereich des Krankenhauses und in der Notaufnahme einsetzen lassen. Dies wird die Effizienz vieler Eingriffe erhöhen und es dem Team letztendlich ermöglichen, mehr Patienten zu behandeln. Nach diesem erfolgreichen Kurs hoffen wir schon jetzt, nächstes Jahr zurückkehren zu können. Seit meinem ersten Besuch vor acht Jahren hat das Krankenhaus weitreichende Verbesserungen vorgenommen, insbesondere in der Notaufnahme, wo nun FAST („Focused Assessment with Sonography for Trauma“) sowie Ultraschalluntersuchungen der Lunge zur Diagnostik des Pneumothorax zum Einsatz kommen. Es wäre schön, wenn wir hierher zurückkehren und bei der Entwicklung weiterer Verfahren mit diagnostischem Ultraschall helfen könnten. Ghana kann sich glücklich schätzen, eine der besten medizinischen Fakultäten in der Region zu haben. Im KATH beginnen zurzeit rund 200 Medizinstudenten mit ihrer Ausbildung. Meine Kollegen und ich freuen uns darauf, die nächste Ärztegeneration in die Vorteile dieser Technologie einzuführen. 

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