Erfahrungsberichte: Ultraschall für die Mongolei

January 12, 2015

Ingrid Yuile ist zertifizierte Ultraschallausbilderin und arbeitet seit sieben Jahren als medizinische Ultraschallexpertin in Krankenhäusern und Privatkliniken in den unterschiedlichsten Bundesstaaten der USA. Mit ihren Schulungskenntnissen und einem SonoSite EDGE im Gepäck machte sie sich auf in die weiten Steppen der Mongolei und entdeckte ein wunderschönes und vielfältiges Land. Lesen Sie selbst, was sie zu erzählen hat:

„Im Juni 2015 machte ich mich mit acht unerschrockenen Notärzten auf, um mongolischen Ärzten unterschiedlichste Anwendungsgebiete in der Notfallmedizin zu lehren. Seit dem Jahr 2001, als Dr. David Pesod erstmals Australien bei einer Konferenz zum Thema Anästhesie vertrat, pflegen Anästhesisten aus Australien und der Mongolei gute Beziehungen.

Im Lauf der Jahre haben freiwillige Fachkräfte aus Australien erstklassige Schulungen auf den Gebieten Frauenheilkunde und Gynäkologie, Geburtshilfe, Pädiatrie, Chirurgie und Notfallmedizin abgehalten. Meines Wissens war dies das erste Mal, dass ein Ultraschallexperte am Programm teilnahm und ganz spezifisch Point-of-care Ultraschalltechniken unterrichtete.Nachdem wir monatelang Präsentationen vorbereitet, Ausrüstung organisiert, Visa beantragt und unzählige E-Mails gelesen haben, war die Gruppe schließlich startklar. Es war sehr aufregend, gemeinsam mit Ärzten des Australasian College for Emergency Medicine (ACEM) wie Simon Smith, Wolfgang Merl, Mark Putland, Robyn Parker, Luigi Marino, Ben Delaney, Rob Melvin und Peter Jordan Teil des Teams Initial Emergency Care (IEC, Erstversorgung bei Notfällen) zu sein. Wir wurden von der Mongolischen Gesellschaft der Anästhesisten eingeladen, um Schulungen zum Thema Notfallmedizin abzuhalten.

Die Mongolei

Die Mongolei ist ein faszinierendes Land. Im Norden grenzt es an Russland, im Osten, Süden und Westen an China. Das Land kann auf eine bewegte Geschichte voller Konflikte zurückblicken – von Dschingis Khan bis zum Ende der Sowjetunion. Mit 3 Millionen Einwohnern ist es das am dünnste besiedelte Land der Welt, wobei ca. 40 % der Mongolen in der Hauptstadt Ulaanbaatar leben. Auf dem Land pflegen viele Menschen noch das traditionelle Nomaden- oder Halbnomadenleben. Obwohl die Wirtschaft immer noch stark von Land- und Viehwirtschaft geprägt ist, hat sich in den letzten 15 Jahren ein Boom im Bergbau abgezeichnet.

 

Die Gesundheitsversorgung in der Mongolei

Die Mongolei gliedert sich in 21 Provinzen (Aimags), die sich wiederum in 329 kleinere Verwaltungseinheiten (Sums) teilen. Die Gesundheitsversorgung erfolgt in nationalen Krankenhäusern sowie in Einrichtungen auf Aimag- und Sum-Ebene. Wir flogen zunächst alle gemeinsam nach Ulaanbaatar, bevor wir uns in zwei Teams aufteilten. In der Hauptstadt angekommen machte sich ein Team auf den Weg nach Dund-Gobi-Aimag, während meine Gruppe Chowd-Aimag ansteuerte, das im äußersten Westen des Landes liegt. Da wir vor unserem Flug nach Chowd zwei Tage in Ulaanbaatar verbrachten, bekamen wir freundlicherweise eine Tour durch das brandneue und beste Krankenhaus der Stadt, das nur sechs Wochen zuvor seine Pforten geöffnet hatte. Das Team des notfallmedizinischen Departments dort betreut täglich zwischen 60 und 100 Patienten. Wir durften den Triage-Bereich, die Notaufnahme einschließlich Handultraschallgerät sowie die Intensivstation (ICU) ausgestattet mit tragbaren Ultraschallsystemen besichtigen und es war einfach großartig. Aber obschon ihr Angebot an Gesundheitsdienstleistungen sehr umfangreich ist, gibt es immer noch einiges an Verbesserungsbedarf. Beispielsweise wird in der Notaufnahme immer noch Vitamin C zur Behandlung von Sepsen verabreicht (ein Überbleibsel der Medizinausbildung aus Sowjetzeiten) und auch offene Türen und Fenster auf der Intensivstation sind gang und gäbe. Kaum vorstellbar, dass man einen Femoraliskatheter neben einer nach draußen führenden offenen Tür legt! Veränderungen durchzusetzen ist ein Kampf gegen Windmühlen: Die jüngeren Ärzte arbeiten hart daran, evidenzbasierte medizinische Forschungsergebnisse in die Praxis einzubeziehen, müssen aber mit dem Widerstand der älteren Generationen rechnen, die noch immer das Sagen haben. Die Notfallmedizin steckt in der Mongolei noch in den Kinderschuhen, weshalb auch die Mehrheit der intensivmedizinischen Betreuung von Anästhesisten ausgeführt wird. Nun ist allerdings der Startschuss für ein zweijähriges Schulungsprogramm gefallen, in dem zwölf Ärzte in Ulaanbaatar zu Fachärzten auf diesem Gebiet ausgebildet werden. Ein Wandel ist also im Gange!

Nachtleben in Ulaanbaatar

Nach der Krankenhausbesichtigung zogen diejenigen von uns, die noch in Ulaanbaatar verblieben sind, los und erkundeten die Stadt. Die Straße zu überqueren glich zwar jedes Mal einem halsbrecherischen Unterfangen, aber dennoch erreichten wir unversehrt das buddhistische Gandan-Kloster, kauften ein paar Souvenirs im Kaufhaus Ikh Delguur und besichtigten den Dschingis-Khan-Platz, der von Statuen seines Namensgebers geschmückt wird. Am Abend besuchten wir die täglich angebotene Kulturshow, in der wir uns von der Vielfalt der mongolischen Kultur überzeugen konnten. Auf dem Programm standen Kehlkopfgesang, schwungvolle Tänze mit ganz klarem kosakischem Einfluss, eine Reihe traditioneller Instrumente und die unglaubliche Darbietung eines Schlangenmenschen, bei der sich uns die Nackenhaare sträubten. Früh am nächsten Morgen trafen wir unsere zwei Dolmetscher, die Anästhesisten Tsolmon Begzjav und Enkh-Amgalan Dorjbal, und machten uns auf zum Chinggis Khaan International Airport. Nach einem dreistündigen holprigen Flug in einem Propellerflugzeug, dessen Toilettenspülung übrigens nicht funktionierte, erreichten wir schließlich Chowd.

Chowd

Chowd ist eine Provinz mit 84.000 Einwohnern. 30.000 davon leben in der gleichnamigen Stadt; der Rest verteilt sich auf die 18 Verwaltungseinheiten. Es liegt auf einer Seehöhe von 1.395 Meter, wie so manches Skigebiet; das Klima ist vom Einfluss der dort vorherrschenden Trockenwüsten geprägt mit scheinbar minimalem jährlichen Niederschlag. Bei unserem Besuch hat es allerdings jeden Tag geregnet. Zum Glück verschwand das schlechte Regenwetter üblicherweise am Nachmittag und da die Sonne nicht vor 10 Uhr abends unterging, konnten wir stets einige Sonnenstunden genießen. Die Einheimischen hingegen waren für den Regen, den wir aus dem entfernten Melbourne mit uns brachten, dankbar und waren der Ansicht, dass, wenn sie nicht von der Schulung profitieren sollten, dann zumindest vom Regen!

Krankenhaus Chowd

Beim Krankenhaus in Chowd handelt es sich um eine medizinische Einrichtung der Stufe 2. Die Ausstattung ist beeindruckend und umfasst eine Triage, eine Notaufnahme mit zwei Betten, eine Intensivstation mit zwei Betten, eine Hämodialyseeinheit, eine Blutbank, eine Pathologie sowie Röntgen-, CT- und Ultraschallgeräte. Unser dreitägiges Programm war rappelvoll mit Vorträgen und Workshops, die wir für eine Gruppe von 24 medizinischen Fachkräften mit unterschiedlichen Hintergründen vorbereitet hatten, darunter Anästhesisten, Notärzte, Krankenpfleger, ein Radiologe und ein Ultraschallexperte. Einerseits war es eine ungewöhnliche Erfahrung, während des Vortrages gedolmetscht zu werden; andererseits war die Anpassung an die mongolische Zeit, die nur einige Stunden Unterschied zu den Fidschi-Inseln aufweist, ein interessantes Erlebnis. Die Ärzte in meinem Team deckten eine große Bandbreite an Themen der Notfallmedizin ab. Ich selbst hielt Schulungen zu eFAST und zu Techniken der Nadelführung ab. Ich bin extrem dankbar für die großzügige Unterstützung von SonoSite in Form des tragbaren Ultraschallgeräts „Edge“, das sie mir für die Dauer der Reise zur Verfügung stellten. Für die Kurseinheiten war das Gerät unverzichtbar. Auf den antiquierten Geräten des Krankenhauses, die nur mit einer konvexen Schallsonde ausgestattet waren und bei denen Tiefe, Fokus, Verstärkung und Cineloop nicht funktionierten, wäre es mir schlicht nicht möglich gewesen, einen Kurs zu leiten. Glücklicherweise werden die Vorteile von Point-of-care Ultraschallgeräten mittlerweile großteils erkannt und so werden Krankenhäusern der Aimags (meist dank Spenden) allmählich moderne Geräte bereitgestellt. Alles, was den Ärzten jetzt noch fehlt, ist ein wenig Übung und viel Praxiserfahrung. Tragbare Ultraschallsysteme können können einen großen Einfluss auf die Akutversorgung haben, da sie durch eine schnelle Diagnose die Behandlung von Patienten beschleunigen und möglicherweise auch die Prognose verbessern können. Wenn man erst mal die Nadelführung beherrscht, kann dieselbe Technik in einer Vielzahl von Eingriffen angewandt und dadurch invasive Verfahren präziser und sicherer ausgeführt werden.

 

Nachtleben in Chowd

Mein IEC-Team wurde von den ortsansässigen Ärzten herzlich willkommen geheißen und in einem alten russischen Mini-Van, der uns auch mit dem kleinsten Schlagloch in den Straßen Chowds vertraut machte, durch die Stadt kutschiert. Wir wurden zu Abendessen im Bereitschaftsraum, Karaokebars nahe unserem Hotel sowie bei jeder passenden Gelegenheit auf ein Glas Wodka und Chinggis Beer eingeladen. Die Ausflüge in die ländlichen Gebiete außerhalb der Stadt waren herrlich – die Abgelegenheit des Aimag mit seiner flachen trockenen Landschaft, die erst bei den Hügeln am Horizont zu enden schien, ist schlicht überwältigend. An einem Tag wurden wir auf einer eineinhalbstündigen Fahrt mit einem Allradfahrzeug in die mongolischen Hügel gebracht und aßen mit den Eltern des Krankenwagenfahrers des Aimag zu Abend. Die beiden führen ein traditionelles Nomadenleben: Sie hüten Schafe, Ziegen und Kühe und schlagen ihr „Ger“, ihre Jurte, alle drei Monate auf einem anderen Stück Land auf. Die Vorspeise bestand aus einer Käseplatte (vermutlich Yak- oder Ziegenkäse) und ein Whiskey zur Begrüßung durfte natürlich auch nicht fehlen. Als Hauptgericht haben unsere Gastgeber ein Hammelragout vorbereitet. Wir fühlten uns dabei sehr „Paleo“, als wir das Fleisch direkt vom Knochen nagten. Nach einer kurzen Pause und einem Spaziergang, um Fotos zu schießen, verspeisten wir schließlich unser Dessert aus Ziegenmilchjoghurt. Seit wir die Gastfreundschaft dieser Menschen mit ihrem bescheidenen Leben kennengelernt haben, hat die Mongolei einen ganz besonderen Platz in den Herzen aller Teilnehmer.

Ein Besuch auf dem Land

Nachdem wir unser dreitägiges Schulungsprogramm beendet hatten, verließen wir die Stadt und besuchten das Chowd-Sum-Krankenhaus, das die ländliche Bevölkerung versorgt. In dieser Region leben ca. 3.400 Menschen, auf die 24 medizinische Fachkräfte kommen, wovon wiederum drei eine ärztliche Ausbildung haben. Im Winter müssen in der Regel mehr Patienten behandelt werden. Häufige Fälle sind Erkrankungen der Atemwege und Kohlenmonoxidvergiftungen aufgrund der Ofenfeuer in den traditionellen Jurten. Obwohl jedes Neugeborene in der Mongolei geimpft wird, sind Auffrischungen besonders für Nomaden schwierig zu erhalten: Während unseres Besuches wurden gerade sechs Patienten mit Masern in der Abteilung für Infektionskrankheiten betreut. Die Notärzte des Krankenhauses kümmern sich um lokale Traumata wie sie bei Verkehrsunfällen, Reitunfällen oder bei Stürzen von felsigem Gelände auftreten. Das Krankenhaus verfügte über ein altes GE Logiq A1, das im Zimmer für Geburtshilfe und Gynäkologie verstaubte. Die bereits verkrustete Gelflasche war Beweis genug, dass das Gerät kaum zum Einsatz kommt. Die diensthabende Ärztin wollte gerne mehr über die vier FAST-Ansichten erfahren, also führte ihr Tsolmon, unser Dolmetscher, alles vor und verdolmetschte die Anweisungen, während ich ihr dabei half, gute Fenster für eine Ultraschalluntersuchung zu finden. Ich glaube, dass mittlerweile Platz für dieses kleine Gerät in der Notaufnahme geschaffen wurde und dass es öfter zum Einsatz kommt.
Manchmal passiert es, dass Ärzte mit einer Situation konfrontiert werden, für die sie nicht richtig ausgerüstet sind oder für die ihnen die notwendige Erfahrung fehlt. In solchen Fällen wird das Krankenhaus des Aimag kontaktiert, das eventuell eine telefonische Hilfestellung anbietet oder in extremen Fällen ein medizinisches Team losschickt, um einen instabilen Patienten, dessen Transport nicht möglich ist, zu behandeln. Durch weite Entfernungen und fehlende Transportmöglichkeiten an abgelegenen Orten sind schnelle und genaue Diagnosen unerlässlich, um die richtige Entscheidung für den weiteren Umgang mit einem Patienten zu treffen. Es ist offensichtlich, wie nützlich ein tragbares Ultraschallgerät in den Händen eines kompetenten Technikers in solch einer Situation sein kann.
Nach dem Mittagessen und einer Flasche mongolischem Chardonnay, die wir uns mit dem Director of Medical Services in seinem Büro des Krankenhauses im Sum schmecken ließen, fuhren wir zurück in die Stadt Chowd und bereiteten uns auf unseren Flug nach Ulaanbaatar vor. Nach getaner Arbeit trafen wir uns mit dem Team, das in die Provinz Dund-Gobi aufgebrochen war, um auf der Heimreise nach Melbourne Erfahrungen auszutauschen.

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Fazit

Ich war beeindruckt davon, wie die Ärzte im Aimag- und Sum-Krankenhaus mit so wenigen Mitteln auskommen. Sie haben weder eine moderne Ausstattung noch können Sie aus den vielen Weiterbildungs- und Schulungsmöglichkeiten schöpfen, die uns zur Verfügung stehen. Dennoch müssen sie mit einer Vielzahl an unterschiedlichen komplexen Fällen jeden Tag zurechtkommen. Ich bin mir sicher, dass sich einige ihrer Erfahrungen mit denen von Ärzten decken, die in den ländlichen und abgelegenen Gebieten in unseren Gefilden praktizieren. Besonders auffallend war auch das Geschlechterverhältnis der Ärzte, die an unseren Schulungen teilnahmen. Alle Delegierten des Teams in Dund-Gobi und 60 % der Delegierten in Chowd waren Frauen. Ich fand es beeindruckend und großartig, dass so viele Frauen in Spitzenpositionen hart arbeiten, um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bevölkerung ihres Landes zu verbessern.
Ich möchte mich ein weiteres Mal bei SonoSite dafür bedanken, dass sie mir ein Ultraschallgerät für die Reise zur Verfügung gestellt haben. Außerdem möchte ich dem Team von Ultrasound Training Solutions meinen herzlichen Dank für ihre großzügigen Beiträge aussprechen. Ohne euch wäre meine Reise in die Mongolei nicht möglich gewesen. Ich hoffe, das war nur die erste von vielen Reisen, und freue mich darauf, die Entwicklungen der nächsten Jahre mitverfolgen zu können.“

 

Über Ingrid Yuile

 

Ingrid Yuile ist eine zertifizierte Ultraschallausbilderin und medizinische Ultraschallexpertin und kann auf sieben Jahre Erfahrung in Krankenhäusern und Privatkliniken in den unterschiedlichsten Bundesstaaten der USA zurückblicken. Im Laufe ihrer Arbeit war sie immer an der Ausbildung von angehenden Ultraschallexperten beteiligt. Derzeit arbeitet Ingrid in Teilzeit bei uns. So kann sie ihrer Arbeit als allgemeine Ultraschallexpertin in Kliniken weiterhin nachgehen. Da ihr Hintergrund in der Sportmedizin liegt, gilt ihr Hauptinteresse der muskuloskelettalen Bildgebung.

 
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